Institut für Sexualforschung
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Abteilung: I/Leitender Arzt
Dikt. Z. HG/I.
Herrn
Dr. med. Rudolf Klimmer
Dresden A 28
Bünaustr. 42
Sehr geehrter Herr Kollege!
Ihre beiden Arbeiten über die Homosexualität, die ich eingehend studiert
habe, finden meine volle Zustimmung. Insbesondere Ihr Hinblick auf die
verschiedenen Ursachen der Homosexualität, was ich auch ausdrücklich immer
hervorhebe. Sie beschäftigen sich, ebenso wie ich, vornehmlich mit der
konstitutionellen Homosexualität. Wir dürfen aber darüberhinaus nicht verkennen,
und ich werde darüber gelegentlich ausführlich publizieren, dass es durchaus
auch andere Formen der Homosexualität gibt: psychotische, neurotische,
hormonale und prostitutionsbedingte.
Das Kapitel der neurotischen Homosexualität wird von lhnen vielleicht
doch etwas zu wenig beachtet. Differentialdiagnostisch spielt der Phallus-Kult
ganz ohne Zweifel die entscheidende Rolle. Pathognomisch hierfür ist die Technik
des Verkehrs in der Form der mutuellen Onanie, die nach meiner Vermutung in
jedem Falle die Möglichkeit eines neurotischen Grundcharakters dieser
Homosexualität nahelegt. Demgegenüber steht nun die Beobachtung, dass mutuelle
Onanie in den meisten Fällen von Homosexualität betrieben werden soll. Dann
müsste also auch diese neurotische Form viel häufiger sein, als Sie, sowohl wie ich, angenommen haben.
Ich habe erst jetzt durch die Häufung des Materials bemerkt, dass es
(gegen meine frühere Ansicht) sehr wohl auch "glückliche", oder
besser: dauerhafte homosexuelle Begegnungen gibt. Demgegenüber ist die
Schwierigkeit der Partnerwhl doch nicht so sehr, wie ich früher annahm,
exogen bedingt. Denn die Möglichkeiten des Zusammentreffens sexuell
gleichgerichteter Personen ist ja doch nur de jure aber nicht de facto
verhindert. Wahrscheinlich spielen bei diesen unglücklichen homosexuellen
Beziehungen gleiche neurotische Komponenten eine Rolle, die in der mutuellen
Onanie sichtbaren Ausdruck finden, wie in der regelrechten, bürgerlichen Ehe
auch. Denn auch bei diesen bürgerlichen Ehen sind die Ehekrisen zumeist neurotisch zu verstehen.
Es wäre nun noch zu erörtern, ob Neurose die Homosexualität bedingt,
oder ob die Homosexualität zur Neurose geführt hat ( aus naheliegenden Gründen).
Das ist keineswegs so ohne weiteres zu klären. Immerhin ist diese Frage sehr
wichtig. Ich werde mich damit eingehend beschäftigen.
Für die Therapie spielen diese differentialdiagnostischen Erwägungen
eine untergeordnete Rolle. Theoretisch müsste man bei der Homosexualität
neurotischer Genese mit Psychotherapie heilen können, praktisch wissen wir,
dass davon in ganz seltenen Fällen gesprochen wird; das ist wohl auch nicht
so unverständlich. Denn Sie können eine eingefahrene Perversion
(das wäre es ja dann in diesem Falle) nicht so leicht wieder aushebern,
übrigens auch nicht in den regulären Ehen. Das bisher geführte Leben lässt
sich eben nicht tiefenpsychologisch beseitigen. Prognostisch müssten früherfasste,
d.h. noch im 3. Lebensjahrzehnt zur Behandlung gelangende Homosexuelle dieser
Struktur relativ günstig zu beurteilen sein.
Übrigens: neurotische Homosexuelle dieser Art haben auch durchaus ein
"Krankheitsbewusstsein", wie ich es gelegentlich beobachtet habe. -
Ich hoffe, dass ich mit dieser Stellungnahme Ihnen gedient habe.
Sie können diese Ausführungen mit der Angabe ihres Briefcharakters
selbstverständlich auch publizistisch verwenden.
Jedenfalls bitte ich Sie sehr herzlich um die Zusammenstellung
eines Übersichtsreferaates" zum Thema Homosexualität, das Sie in
beliebiger Länge bearbeiten können, und das ich für meine Zeitschrift für
Sexualforschung und für die Arbeitstagung in Kronberg sehr gerne verwenden
möchte. Erbitte hierzu Ihre Zusage.
Mit besten kollegialen Grüssen
bin ich Ihr
Giese
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